13.03.2018

Neue App „Naturkalender ZAMG"

Citizen Sciene - die Bevölkerung forscht mit: Die kostenlose App „Naturkalender ZAMG" dient der Beobachtung von Pflanzen und Tieren. Die Beobachtungen gehen in internationale Datenbanken ein und werden unter anderem in der Klimaforschung genutzt. Durch die Erwärmung des Klimas verschieben sich beispielsweise die Jahreszeiten, wodurch deutlich erkennbare Änderungen in der Pflanzen- und Tierwelt verursacht werden.

Pflanzen und Tiere reagieren stark auf Änderungen im Witterungsverlauf und auf Klimatrends. Die Wissenschaft der Phänologie untersucht diese Zusammenhänge und hat an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) eine große Tradition. „Unsere phänologischen Aufzeichnungen reichen bis ins Jahr 1851 zurück, dem Gründungsjahr der ZAMG", sagt ZAMG-Phänologe Thomas Hübner, „und von Anfang an war man stark auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen. Denn die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten nicht das gesamte Jahr in den unterschiedlichen Regionen Österreichs die aktuellen Entwicklungsphasen der Pflanzen und Tiere notieren. Bis heute helfen hier zahlreiche Freiwillige mit und das phänologische Beobachtungsnetz lässt sich somit als die älteste Citizen Science Initiative in Österreich bezeichnen."

 

Beim Spazierengehen die Wissenschaft unterstützen und selber dazulernen

 

Früher wurden die Beobachtungen mit Bleistift und Papier festgehalten und per Post an die ZAMG geschickt. In den letzten Jahren erfolgte die Eingabe der Daten dann vermehrt am Computer. Seit kurzem gibt es eine App, mit der man seine Beobachtungen einfach und schnell gleich direkt in der Natur festhalten kann, etwa bei einem Spaziergang oder einer Wanderung oder im eigenen Garten. Dabei unterstützt man die Wissenschaft und lernt selbst etwas über den Lauf der Jahreszeiten, ihre Besonderheiten und ihre Änderungen dazu. Die App „Naturkalender ZAMG" steht kostenlos für Android und iOS in den App Stores zur Verfügung.

 

Vegetationsperiode wurde in den letzten 30 Jahren um zwei Wochen länger

 

„Uns interessiert besonders die Entwicklung der sogenannten phänologischen Zeigerpflanzen", erklärt ZAMG-Experte Hübner, „wir wollen zum Beispiel wissen, wann die Knospen aufbrechen oder wann die Pflanzen blühen oder Früchte tragen. Vergleicht man die Daten von verschiedenen Jahrzehnten und verschiedenen Regionen, erkennt man, welche Auswirkungen die Änderung des Klimas auf die Umwelt hat. Zum Beispiel ist in Österreich durch die Klimaänderung die Vegetationsperiode in den letzten 30 Jahren um rund zwei Wochen länger geworden."

 

Zusammenhang zwischen früherem Austrieb und großen Spätfrostschäden?

 

2016 und 2017 haben gezeigt, dass die Obst- und Weinkulturen nach einigen sehr milden Frühlingswochen bei späten und heftigen Kaltlufteinbrüchen massiv geschädigt werden können. Untersuchungen zeigen bisher für die unterschiedlichen Regionen Österreichs keinen einheitlichen Trend zu einem steigenden Frostrisiko. Die späten Kaltlufteinbrüche sind über die Jahre sehr variabel, während die Vegetation durch die Klimaerwärmung einen Trend zu einem früheren Beginn hat. Die Daten der ZAMG zeigen zum Beispiel, dass die Blüte von Marille, Apfel und Kirsche mittlerweile um durchschnittlich zehn Tage früher stattfindet als noch vor 20 Jahren. Für das Frostrisiko lässt sich daher sagen: Ereignisse wie in den letzten beiden Jahren können auch in Zukunft zumindest hin und wieder vorkommen, wenn nach einem frühen Vegetationsbeginn Wetterlagen mit massiven späten Kaltlufteinbrüchen folgen.

 

Wir sind derzeit im „zweiten Frühling"

 

Das phänologische Jahr setzt sich aus zehn Jahreszeiten zusammen, die jeweils von bestimmen Erscheinungen charakterisiert werden. Ihr Eintreten ist je nach Region und Witterung sehr unterschiedlich. Heuer zum Beispiel begünstigte der drittwärmste Jänner der österreichischen Messgeschichte einen zeitigen Blühbeginn der sogenannten Zeigerpflanzen der ersten Jahreszeit, des Vorfrühlings. So blühten Hasel, Schneeglöckchen und Winterling um drei bis vier Wochen früher als im langjährigen Durchschnitt. Der kalte Februar brachte den beginnenden Erstfrühling dann vorübergehend zum Stillstand. Jetzt kommt wieder Schwung in die Vegetation und wir erleben sozusagen den zweiten Erstfrühling: Die warmen Märztage lassen Hasel und Erle in mittleren und höheren Lagen blühen und allgemein treiben Sal-Weide, Frühlingsknotenblume und Leberblümchen sowie andere Frühblüher aus.

 

Aufklärungskampagne zum Thema Klimawandel und Ernteausfälle

 

Um bei den Konsumenten das Bewusstsein für die sich ändernde Pflanzen- und Tierwelt zu stärken, startete die österreichische Firma Höllinger vor kurzem eine Aufklärungskampagne auf ihren Apfelsaft-Verpackungen und auf ihrer Website und bewirbt auch die neue App „Naturkalender ZAMG". Der Produzent von Bio-Fruchtsäften informiert über den Klimawandel und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Landwirtschaft und die Verkaufspreise. Unter anderem wird mit Beobachtungsdaten der ZAMG die Änderungen von Klima und Apfelblütezeit aufbereitet. Das Jahr 2017 brachte laut Höllinger europaweit die schlechteste Apfelernte der vergangenen 20 Jahre.

 

Teil der Initiative Top Citizen Science

 

„Naturkalender ZAMG" ist Teil der vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung (BMBWF), dem Wissenschaftsfonds FWF und dem Österreichischen Austauschdienst (OeAD) getragene Initiative Top Citizen Science. Diese beinhaltet Erweiterungsprojekte im Sinne der Citizen Science- und Open Innovation-Zielsetzungen. Damit soll unter Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern sowie Personen mit spezialisierter Expertise - den sogenannten Knowledge-Communities - exzellente Forschung betrieben werden.

Zusammen mit dem auf Umweltbildung spezialisierten Partner LACON und dem App Anbieter Spotteron will die ZAMG in diesem Jahr die Phänologie den Bürgerinnen und Bürgern näher bringen und mit einer Informationskampagne, Vorträgen und Exkursionen zum Thema Phänologie neue Citizen Scientists gewinnen. Dafür gibt es unter anderem auch spezielle regionale Projekte mit Naturparks in der Steiermark und Niederösterreich.